AUSSTELLUNGEN
Ausstellungen 2006
Tor! Fußball und Fernsehen
Offizieller Beitrag des Kunst- und Kulturprogramms der Bundesregierung zur FIFA WM 2006™ in Zusammenarbeit mit dem OK FIFA WM 2006
5. Mai bis 31. August 2006
Pressereaktionen
rbb Kulturradio am Morgen, Berlin, 3. Mai 2006
Filmmuseum Berlin: „Tor! Fußball und Fernsehen“
Von Simone Reber
(...)
Die Glanzstunden des Mediums sind in der Ausstellung zu sehen, wie der
berühmte Dialog zwischen Günther Jauch und Marcel Reif 1998, als in
Madrid das Tor zusammengebrochen war und beide 90 Minuten in der besten
Sendezeit über ein Spiel sprechen mussten, das gar nicht stattfand.
Aber die Ausstellung nimmt uns auch in die übelsten Niederlagen des Mediums
mit. Bis 1970 hat der DFB keinen Frauenfußball zugelassen, als das
Verbot aufgehoben wurde, zeigt Wim Thoelke im ZDF eine Reportage vom
Spiel des Nationalteams. Das findet statt im Tenor: „Mutter schießt
eine wunderbare Flanke“ oder „Decken, decken, nicht den Tisch decken.“
Das Angenehme an dieser Ausstellung ist, dass sie ironische Distanz zu
ihrem Thema hält. Besucher können sich mal gruselnd, mal schadenfroh,
mal in Erinnerungen schwelgend von Monitor zu Monitor bewegen.
Süddeutsche Zeitung, München, 4. Mai 2006
Die Nestbeschmutzer
Von Alex Rühle
(...)
Die Ausstellung „Tor! Fußball und Fernsehen“, die morgen im Berliner
Fernsehmuseum eröffnet, ist schlicht fabelhaft. Allein schon, weil sie
nicht mühsam Zusammenhänge konstruieren muss zwischen Dingen, die
nichts miteinander zu tun haben. Kuratorin Petra Schlie hat wunderbare
Szenen und Momente zusammengesucht, die zeigen, wie sich das Spiel und
seine Inszenierung wechselseitig geprägt haben. Und wie sich das Reden
über den Fußball geändert hat: Der Nürnberger Trainer Herbert Widmayer
schnarrt in Wehrmachtsrhetorik durch die Sportschau: „Nach dem Sieg
ziehen wir den Helm fester“ (...)
Über dem Eingangsportal der
Ausstellung läuft ein Loop, die Teilnehmer des WM-Finales von '74,
abgefilmt während der Nationalhymnen, in Erwartung des Spiels; bis zum
30. Juli werden sie über diese weiße Wand laufen, ernste Gesichter,
unfreiwillig gefangen in dieser Sequenz, so wie Deutschland und die
ganze Welt vom 9. Juni an festhängen werden in einer Schleife aus
Anpfiff und Abpfiff und der Hoffnung auf das Endspiel.
Der Tagesspiegel, Berlin, 4. Mai 2006
25 Kameras gegen 22 Spieler
Von Joachim Huber
(...) Die Ausstellung beschreibt die Entwicklungsschübe von der braven
SPORTSCHAU mit den brav gescheitelten Männern über den Fußball-Klimbim
des Privatfernsehens bis hin zum (boulevardesken) Medienspiel um alles
und alle im Fußball-Profibusiness. Längst dauert ein Spiel nicht mehr
90 Minuten, eine Übertragung ist ein Event mit eingeübten Ritualen, mit
Vor- und Nachspiel. Wer will, kann in der Schau die Schlussminuten des
Champions-League-Finales Bayern-München gegen Manchester United
kommentieren und feststellen, welche Tücken, Missgeschicke, Irrtümer in
der freien Rede hinterm Mikrofon lauern.
Und wer will, kann sich
auf einer Monitorwand aktuelle Fußball-Shows aus aller Herren Länder
anschauen. Stolz, Frust, Begeisterung, Fachsimpelei, Frauen, die sich
vor Spielergebnissen räkeln – Fußball bewegt global auf vergleichbare
Weise, da braucht es keine Übersetzung. Die Journalisten, Protagonisten
der Abteilung „Schau und Show“, sind in besseren Fällen kühle
Berichterstatter und Analytiker, andererseits und immer häufiger
Conferenciers der Aktionen und Akteure. Berühmt-berüchtigte Sequenzen
wie Carmen Thomas im AKTUELLEN SPORT-STUDIO des ZDF, aber auch das
Weizenbier-Duell Hartmann gegen Völler fehlen nicht. Kommentatoren und
Experten sind heute Stars mit der Autogrammkarte in der Brusttasche.
(...)
Westdeutsche Allgemeine, Essen, 5. Mai 2006
Zwischen Bern und Beckenbauer
Von Ulrike Mattern
Die
Ausstellung in Berlin wandelt auf gegenwärtigen und vergangenen
Gebrauchsspuren der Fußball- und Fernseh-Allianz, streift prekäre
Bahnen – die Show, das Geld, die Macht –, zollt gleichzeitig aber auch
der Radioreportage, der „Königsdisziplin der Fußballberichterstattung“,
Respekt. Dass das Radio die Fantasie der Hörer beflügelt hatte und die
ersten Fernsehbilder ein Kulturschock waren, lernt man hier.
(...)
Devotionalien aus den Anfängen der Werbeverträge von Sportlern lassen
einen heutzutage schmunzeln: Franz Beckenbauers Knorr-Suppenlöffel ruht
auf weißem Kissen mit Goldborte, und ein Vertrag zwischen Adidas und
DDR-Sportlern dokumentiert den Reiz des Kapitals. (...)
Waldeckische Landeszeitung, 5. Mai 2006
Lange Meditation über Fußball
dpa
Selbst
der Löffel des „Kaisers“ ist mittlerweile museumsreif: Das
Silberbesteck, mit dem Franz Beckenbauer zu Beginn seiner Karriere in
einem TV-Spot eine Fertigsuppe anpries, gehört zu den
Sehenswürdigkeiten einer Ausstellung über Fußball und Fernsehen, die
heute in Berlin eröffnet wird.
Bunter, schneller, schriller – die
Schau „Tor! Fußball und Fernsehen“ (bis 30. Juli) zeichnet den Wandel
des Fernseh-Fußball nach, von den grobkörnigen Filmen der Fünfziger bis
zu gestochen scharfen Bildern heutiger Live-Sendungen.
Sehr
getragen wirken da die Moderatoren der frühen Jahre, die kaum mehr als
den Namen des ballführenden Spielers fallen ließen. Heute liefern sich
Gerhard Delling und Günter Netzer spitzfindige Rededuelle. Da wirkte
die sich überschlagende Stimme von Radiokommentator Herbert Zimmermann
beim WM-Finale 1954 in der Schweiz eher als emotionaler Ausrutscher.
Auch optisch können die Besucher im künftigen Fernsehmusem der Stiftung
Deutsche Kinemathek am Potsdamer Platz auf Dutzenden von Monitoren die
Entwicklung des Sportspektakels nacherleben. (...)
Blickfang der
Ausstellung ist ein Film über den im vergangenen Jahr gestorbenen
nordirischen Profi George Best. Knapp 100 Minuten lang verfolgt ein
Dutzend Kameras ausschließlich den einstigen Star von Manchester
United. Der Experimentalfilm von Hellmuth Costard aus dem Jahr 1970
wirkt auf den Betrachter wie eine lange Meditation über Fußball.
Handesblatt, Düsseldorf, 12.–14. Mai 2006
Gruß aus der Schatzkiste
Von Thomas Winkler
Natürlich:
Was da flimmert und vorbeirauscht, davon hat man einiges schon mal
gesehen, sei es das berühmte Foul an Ewald Lienen, Rudi Völlers
Ausraster auf Island oder die akkuraten Seitenscheitel der Moderatoren
aus den Anfangstagen des AKTUELLEN SPORTSTUDIOS.
Aber
es sind auch von Kuratorin Petra Schlie und ihren Mitarbeitern in
monatelangen Recherchen und Videostudium „einige Schätze“ gehoben
worden. Das gelang auch, weil man den Frauenfußball nicht vergaß und
den Blick gen Osten. So ist unter Glas auf einer als „Streng
vertraulich“ gestempelten Direktive nun nachzulesen, welche Richtlinien
die DDR ihren Medienmitarbeitern mitgab auf den Weg zur WM 1974 beim
westdeutschen Klassenfeind: „Die Mannschaft der BRD“ solle „wie jede
andere ausländische Mannschaft behandelt“ und „der Ton der Reporter
sachlich-kühl gehalten werden“.
Im gleichen Jahr schwadronierte
Karl-Eduard von Schnitzler im SCHWARZEN KANAL davon, dass das
Westfernsehen „mit zügelloser Reklame“ den Zuschauern „falsche
Leitbilder einhämmert“, wohl wissend, dass zu dieser Zeit die DDR mit
dem Verkauf von Bandenwerbung bei Europapokalspielen längst harte
Devisen verdiente.
An anderer Stelle, in einer Installation aus
Fernsehschirmen, kann der Besucher eintauchen in die weltweit so
verschiedene Berichterstattung: Von Japan und seinem comicartigen Stil
geht es über die Stunden andauernden Fachsimpeleien des englischen
Fernsehens nach Italien, wo Ergebnisse mit attraktiven Damen garniert
werden. (...)
3sat.de, 17. Mai 2006
Fußball ist unser Leben – und Fernsehen auch
Von Eduard Erne
Fußball
ohne Fernsehen ist seit einem halben Jahrhundert nicht mehr
vorstellbar. Hinter jeder scheinbar ganz einfachen Fußball-Übertragung
steckt von Beginn an eine ganz andere, nicht minder große Story. Sie
handelt davon, wie sich das Medium der weltweit beliebtesten Sportart,
der Akteure und des Publikums bemächtigte. Die erste Ausstellung im
neuen Berliner Fernsehmuseum widmet sich dieser Beziehungsgeschichte.
Sie ist eine Zeitreise anhand von Monitoren und Dokumenten bis hin zu
Hellmuth Costards Film über das Fußballwunder George Best.
Was
beschreibt diese Ausstellung? Liebe, Lust, Leidenschaft? „Ob das eine
Liebe ist? Oder ob es sich schlecht verträgt? Ich weiß es nicht“, sagt
Kuratorin Petra Schlie. „Natürlich befruchtet es sich sehr stark. Der
Fußball wäre nie so reich geworden ohne das Fernsehen. Am Anfang hatte
man noch Angst bei den Vereinen, ob man es überhaupt übertragen soll,
weil sie dachten, sonst kommt niemand mehr ins Stadion. Aber das hat
sich nun wirklich nicht bewahrheitet.“ (...)
Die Ausstellung
bietet Vergleiche von unterschiedlicher Fernsehkultur, Dramaturgie und
Inszenierung des Realen. Zum Beispiel ist ein Foul bei der WM 1962 zu
sehen: Die Kamera bleibt distanziert, kein Schnitt, nur eine
Wiederholung in Zeitlupe. 20 Jahre später ereignet sich eines der
brutalsten Fouls in der Geschichte der Bundesliga: Die Kamera ist viel
näher am Geschehen, zeigt die Details, die blutende klaffende Wunde.
Ein dokumentarischer Blick, der den Schrecken zulässt. Aber eine
Realität, wie sie nur der Fernsehzuschauer wahrnimmt. Nochmals zwölf
Jahre später, ein Ausschnitt aus der Sendung RAN von Sat.1: Andy Möller
lässt sich fallen. Es ist eine Schwalbe, kein Foul. Die Kamera zeigt
jede Reaktion. Fast wie im Spielfilm löst sie das Geschehen auf. Das
einzige, was noch fehlt, sind die Dialoge. (...)
Märkische Allgemeine – Westhavelländer, Potsdam, 3. Juni 2006
Kunst am Ball
Von Tim Ackermann
(...)
Kunst allerdings kann erst entstehen, wenn sich die bewegten Bilder von
den Konventionen des Fernseh-Fußballs lösen. Auch dafür gibt es ein
Beispiel in der „Tor!“-Schau. Für seinen Film FUSSBALL WIE NOCH NIE
hielt der Regisseur Hellmuth Costard 1970 bei einem Spiel von
Manchester United seine acht Kameras ausschließlich auf den Linksaußen
George Best. Der Zuschauer kann den Stürmer-Star der 60er Jahre 100
Minuten lang beim Rumstehen, bei Kurzsprints und auch beim
erfolgreichen Torschuss beobachten. Costards verengter, kommentarloser
Blick ist ein gelungenes visuelles Experiment und sagt mehr über die
Wirklichkeit auf dem Fußballplatz aus als jede Live-Übertragung.
Nebenbei
bietet die „Tor!“-Ausstellung auch noch einen fernsehkritischen
Eindruck vom chauvinistischen Ton früher Fußballberichterstattung. Auf
einem Bildschirm kann man die Übertragung eines Frauenfußballmatches
aus den 70er Jahren verfolgen – inklusive der herablassenden
Bemerkungen von Kommentator Wim Thoelke: „Nun, meine Damen –
Mann decken, nicht den Tisch decken.“
Süddeutsche Zeitung, München, 3. Juni 2006
Skat mit Stan Libuda
Die sechs besten Fußball-Ausstellungen zur WM
Von Alex Rühle
(...) „Tor! Fußball und Fernsehen" muss man schon alleine wegen der Szene im
Sportstudio anschauen, in der Dieter Kürten 1969, Lichtjahre von
unserer alerten Isch-sach-mal-Fernsehprofi-Zeit, mit Stan Libuda Skat
spielt, weil der so schüchtern war, dass er sagte, er packt das
Interview nur am Kartentisch. Hat aber auch nichts gebracht, Libuda
nuschelt herzergreifend Stummelsätze in die eigene Schüchternheit
hinein. (...)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Juni 2006
Berlin ist rund
o.N.
(...)
Das neue Fernsehmuseum der Hauptstadt – eröffnet mit der Ausstellung
„Tor!“ – zeigt, daß jedes Fußballtalent ein Recht auf mehr als fünf
Minuten Ruhm hat. Man kann nicht entscheiden, ob das Fernsehen den
Fußball zu dem gemacht hat, was er heute ist, oder ob der Fußball die
Entwicklung des Fernsehens bestimmt hat. Hier jedenfalls ist die
Beschleunigung der Bilderflut in den vergangenen Jahrzehnten
nachvollziehbar und festzustellen, daß Uwe Seeler schon als junger Mann
ohne viel Haare auskam und Günter Netzer schon immer eine lustige Matte
trug.
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